„VAT Verlag Andre Thiele“ zieht Konsequenz aus Leiharbeiter-Affäre bei Amazon

5. März 2013 | Von | Kategorie: Interview

VAT Verlag Andre ThieleDiana Löbel und Peter Onneken deckten in der ARD-Reportage „Ausgeliefert!“ auf, welche Arbeitsbedingungen bei Amazon.de herrschen. Der Bericht über spanische Leiharbeiter bei Amazon.de schockte ganz Deutschland und löste sprichwörtlich eine Lawine des Entsetzen aus. Erste Verlage ziehen Ihre Konsequenzen und beenden die Zusammenarbeit mit Amazon.de. Dabei stellt sich heraus, dass es nicht nur den spanischen Leiharbeitern an den Kragen geht, sondern auch die Verlage ausgenutzt werden.

Herr Thiele vom „VAT Verlag Andre Thiele“ war der Zweite, der seine Konsequenzen zog und die Zusammenarbeit mit Amazon.de beendete. Aus diesem Grund freue ich mich ganz besonders auf dieses spannente Interview und bin gespannt auf die Antworten von Andre Thiele.

Sehr geehrter Herr Thiele, bitte stellen Sie sich und Ihren Verlag kurz vor, damit meine Leser wissen, mit wem sie es zu tun haben.
Der VAT Verlag André Thiele ist aus der Beschäftigung mit dem Dichter Peter Hacks (1928-2003) heraus entstanden. Dessen Ansprüche in politischer, theoretischer und ästhetischer Hinsicht suchten nach einem Ort, wo solche Literatur veröffentlicht werden und die Beschäftigung mit Hacks Werk fortgeführt werden konnte. 2006 entstand eine Webseite www.peter-hacks.de, die über einen Mitgliederbereich Einnahmen generierte, die steuerlich verbucht werden mussten. So wurde der Verlag gegründet. 2007 erschien das erste Buch, das Journal „ARGOS“, das sich der wissenschaftlich-essayistischen Befassung mit dem Werk Peter Hacks verschrieben hat. Es folgten Dichter wie Marco Tschirpke und Epiker wie André Müllersen. und Essayisten wie Heidi Urbahn de Jauregui oder Felix Bartels. Seit 2010 sind wir nun ein Verlag, der Sachbücher und Belletristik vorlegt, die sich, teilweise intensiv, teilweise nur locker, an den aus der Ästhetik von Peter Hacks her entwickelten Kriterien der „Neuen Klassik“ orientieren. Realismus ist unsere Grundforderung, Formentreue und Rationalität kommen hinzu, Vernunftorientierung. Das ist das, was der Leser von uns erwarten kann.

Wie viele Jahre haben Sie mit Amazon.de zusammengearbeitet und was waren die Beweggründe für die Zusammenarbeit?
2008 wurde der Verlag Mitglied im Amazon-Advantage-Programm, das wir nun gekündigt haben. Anfangs waren wir nirgendwo bekannt und suchten nach jedem nur denkbaren „Kanal“, auf dem wir erreichbar sind. Da war Amazon.de natürlich eine große Chance – so schien es uns zunächst. Der Preis hierfür, die enormen Rabatte, der erhebliche Arbeitsaufwand, der ja letztlich weiteren Kosten entspricht, all das war mir damals gar nicht klar. Viele andere Kleinverleger haben diese „Falle“ gleich durchschaut und gar nicht erst unterschrieben – so helle war ich damals nicht.

Welche Erfahrungen im positiven sowie im negativen Sinne konnten Sie während der Zusammenarbeit sammeln?
Das Angebot, das Amazon.de dem Nutzer macht – ständige Verfügbarkeit, schnelle Lieferung, bargeldlose Abrechnung, ansprechende Gestaltung der Plattform – ist sehr attraktiv und funktionell. Wir haben hier nur positive Rückmeldungen der Nutzer bekommen – das klappt also. Aber intern, in unserem Verhältnis zu Amazon.de, war das sehr anders. Ständig fehlende und wechselnde Ansprechpartner, Fehler, die monatelang unerledigt bleiben, intransparente Kostenstruktur, quasi willkürliche Abzüge (Skonti), sehr lange Bearbeitungszeiten, abstruse Rücksendungen von Büchern bei gleichzeitiger neuer Anforderungen der Titel … eine unendliche Liste von Problemen und unerfreulichen Punkten, die am Ende ruinös zu unseren Lasten gehen. Zufriedene Kunden? Sehr gut! Aber nicht auf Kosten der Lieferanten und der Mitarbeiter.

Was hat das Fass zum Überlaufen gebracht und Sie dazu bewogen, die Zusammenarbeit mit Amazon.de zu beenden?
Als Verleger muss ich als Minimum das Gesellschaftsmodell der sozialen Marktwirtschaft vertreten. Das muss ich aus reinem Überlebenswillen, denn ich muss mich fragen: wer kauft denn meine schönen Bücher? Der Herr Bezos ja wohl nicht, und in Vorstandsetagen multinationaler Konzerne ist das Lesen ja überhaupt meist nicht so angesagt. Und nach Miami oder Peking ausweichen kann ich mit meinen Büchern auch nicht. Ich brauche, wenn ich einen Verlag erfolgreich führen will, vor Ort ein großes Publikum, dass genug Geld in der Tasche hat, um ein- oder zweimal im Monat aus freien Stücken ein interessantes Buch zu kaufen. Das genügt für meinen Verlag nicht, aber das ist die Basis. Es gab in Deutschland mal den allgemeinen Konsens, dass die, die hier arbeiten, an den Reichtümern, die sie schaffen, auch teilhaben sollen. Porsche werden nicht alle fahren können, war die Idee der sozialen Marktwirtschaft, aber die, die die Porsches bauen, die sollen auch ein Häuschen haben und Urlaub machen können und eben auch mal ein Buch kaufen. Dieser Konsens scheint weg zu sein – jedenfalls, wenn man sich Unternehmen wie Amazon anguckt. Da werden Löhne gezahlt und Lebensbedingungen geschaffen, die sind frühkapitalistisch – wenn nicht gleich feudal. Und dann kommen auch noch Nazi-Schläger ins Spiel. Ja hallo? Geht’s vielleicht bei den Herren da oben auch mal etwas kleiner als gleich mit Nazi-Brutalos? Mein Verlag vertritt sozial und politisch aktive und engagierte Autoren, Leute wie Wolfgang Bittner, Owen Jones, Felix Bartels, Joe Bageant, Marco Tschirpke, Marion Tauschwitz, Carla Berling. Das sind Leute, die stehen gegen Asozialität und gegen Faschismus – und ich als deren Verleger arbeite mit einem Päckchenpacker aus Bad Hersfeld zusammen, der Nazis hofiert? So wichtig ist es dann eben doch nicht, dass der Kunde seine Bücher sofort und kostenfrei auf den Tisch bekommt, egal welche sozialen Folgen das hat – zumal wir ein System haben, das jeden Tag einen ähnlichen oder sogar einen besseren Service bietet, den Buchhandel.

Welche Konsequenzen ergeben sich durch diese Kündigung für Ihren Verlag?
Das weiß ich nicht. Der Vertrag wird in einem Monat beendet sein, dann erhalten wir unsere Bücher von Amazon.de zurück – und was dann kommt, ist völlig offen. 10 bis 15 % Umsatz sind dann für uns erst einmal weg. Ob und wie wir das kompensieren, das ist derzeit offen. Aber die Konsequenzen sind eben auch positiv. Wir können dem Leser und dem Buchhandel offen gegenübertreten und sagen, für den Versand unserer Bücher wird keiner geknechtet und bedroht.

Welche alternativen Vertriebswege nutzen Sie in Zukunft?
Wir sind selbst stark im Internet aktiv, auf Facebook, bei Twitter, aber auch auf unserer Webseite www.vat-mainz.de. Wir versuchen, den Buchhandel für unser Programm zu interessieren – und wir werden in den kommenden Wochen intensiv prüfen, welche besseren Alternativen es zu Amazon.de gibt.

Was wünschen Sie sich für Ihren Verlag und für die Bedingungen bei Amazon.de für die Zukunft?
Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der Fragen wie die Beschäftigung von Leiharbeitern und die miese Bezahlung von Mitarbeitern keine Rolle mehr spielen, weil diese Sachen fundamental und abschließend geregelt worden sind – und ich wünsche mir insbesondere eine Gesellschaft, in der Neonazis nur noch einen Platz haben, den in den Geschichtsbüchern.

Auf der Suche nach Fans bei Google+, Facebook und Twitter blogge ich mir die Finger wund und bin ständig auf der Jagd nach aktuellen, coolen und vor allem angesagten Themen und News. Ich konstruiere Blogbeiträge die Dich umhauen und sende diese direkt in Dein Kinderzimmer. Mitreden ist in diesem Blog ausdrücklich erwünscht und so freue ich mich ganz besonders auf eure Kommentare und Trackbacks.

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