Vergiss den Hype um die ePA: Warum ich sensible Diagnosen in der App sofort gesperrt habe
Ich habe vor ein paar Tagen meine Kassen-App aufgemacht und als Erstes den Zugriff auf ein paar alte Befunde dichtgemacht. Kein langes Formular, kein Termin in der Filiale. Ein paar gezielte Klicks auf dem Smartphone, Thema erledigt.
Momentan tun alle so, als gäbe es bei der elektronischen Patientenakte (ePA) nur zwei Lager: Die einen feiern die digitale Medizin als Rettung des Gesundheitssystems, die anderen riechen sofort die totale Überwachung und wollen am liebsten wieder zur Papierakte aus den 90ern zurück. Beides ist an der Realität vorbei. Der pauschale Aufschrei bringt dir gar nichts, aber stur alles abzunicken ist genauso unklug.
Seit dem flächendeckenden Start der ePA sind Arztpraxen, Krankenhäuser und Apotheken gesetzlich verpflichtet, das System zu nutzen und mit Daten zu füttern. Das Gute daran: Wer keine Lust mehr hat, ständig Befunden hinterherzulaufen oder bei jedem Facharztwechsel die komplette Krankengeschichte neu aufzusagen, profitiert ab Tag eins. Das Problem ist nur die Angst vor dem gläsernen Patienten. Niemand will, dass der Hautarzt beim Routine-Check beiläufig die Notizen des Psychotherapeuten liest oder der Unfallchirurg durch jahrealte Krankschreibungen blättert.
Aber genau an dieser Stelle lassen sich viele von der Debatte verunsichern, ohne zu wissen, wie das System im Hintergrund überhaupt gebaut ist.
Der gläserne Patient ist ein Mythos – wenn du die Einstellungen kennst
Wer glaubt, dass mit der automatischen Erstellung der ePA sofort jeder Arzt Zugriff auf deine gesamte medizinische Vergangenheit hat, liegt falsch. Das System funktioniert zwar nach dem Opt-Out-Prinzip – die Akte wird also für jeden gesetzlich Versicherten automatisch angelegt, wenn man nicht aktiv bei der eigenen Krankenkasse widerspricht. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass dort ein wilder Daten-Basar entsteht.
Ein zentraler Punkt geht in der öffentlichen Diskussion nämlich völlig unter: Die Abrechnungsdaten der Krankenkassen. Jede Diagnose, jeder ICD-Code, den deine Kasse über die Jahre für die Abrechnung kassiert hat, bleibt streng abgeriegelt. Diese Kassen-Abrechnungsdaten sind standardmäßig ausschließlich für dich selbst in deiner ePA-App einsehbar. Kein behandelnder Arzt, keine Ärztin und kein Apotheker bekommt diese historischen Kassen-Daten automatisch auf den Bildschirm gespielt.
Die Sorge, dass ein beliebiger Arzt deine gesamte Abrechnungshistorie der letzten Jahre durchleuchtet, sobald du deine Versichertenkarte in das Lesegerät steckst, ist schlicht unbegründet. Zugriff gibt es im Praxisalltag erst einmal nur auf die Dokumente und Befunde, die im Rahmen von aktuellen Behandlungen in der Akte abgelegt werden.
Warum ein Total-Boykott dein eigener Schaden ist
Natürlich kannst du der Erstellung der ePA bei deiner Krankenkasse komplett widersprechen. Ein formloser Antrag genügt, und du bist draußen. Aber bringt dir das wirklich was? Ich sage ganz klar: Nein. Du nimmst dir damit selbst enorm viel Komfort und im Zweifel sogar Sicherheit im Notfall.
Überleg mal, wie der Alltag in den meisten Praxen bisher aussah. Du kommst zum Facharzt, der braucht ein Blutbild von vor drei Monaten oder ein Röntgenbild vom Radiologen. Was passiert? Du wirst wieder weggeschickt, musst bei der alten Praxis anrufen, dem Papierkram hinterherrennen oder am Ende wird dieselbe Untersuchung noch einmal gemacht. Das kostet Nerven, Zeit und verstopft die Terminkalender.
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Mit der ePA liegen deine Medikationspläne, Notfalldaten, Allergien und Befunde an einem zentralen Ort. Wenn du im Urlaub stürzt oder überraschend ins Krankenhaus musst, haben die behandelnden Ärzte sofort die lebenswichtigen Infos auf dem Schirm. Keine gefährlichen Wechselwirkungen bei Medikamenten, keine doppelten Röntgenaufnahmen. Diesen Vorteil ohne Not abzuschenken, nur weil man pauschal gegen Digitalisierung wettert, ist schlicht unklug.
Drei Klicks in der App – so behältst du die absolute Hoheit
Der Schlüssel liegt nicht im Verweigern, sondern im Steuern. Du musst nicht das ganze System boykottieren, um deine Intimsphäre zu schützen. Die Gesetzgebung gibt dir als Patient die volle feingranulare Zugriffs- und Widerspruchskontrolle an die Hand.
In der App deiner Krankenkasse kannst du jederzeit millimetergenau festlegen, wer was sehen darf. Du kannst einzelne Dokumente komplett verbergen, sensible Befunde sperren oder bestimmten Praxen den Zugriff auf deine Akte zeitlich begrenzen oder gänzlich entziehen. Wenn du also eine Diagnose hast, die absolut niemanden etwas angeht außer den einen Spezialisten deines Vertrauens, dann blendest du diesen Eintrag für alle anderen Behandler einfach aus.
Und das Beste: Du musst dafür nicht einmal ein Tech-Genie sein. Die Steuerung läuft direkt in der ePA-App ab. Wer kein Smartphone besitzt oder die App nicht nutzen möchte, stellt einfach einen formlosen Antrag direkt bei seiner Krankenkasse und lässt die Freigaben dort verwalten.
Ich habe für mich den Mittelweg gewählt: Ich nutze die ePA für Rezepte, Impfpässe und Standard-Befunde, weil es mir im Alltag massig Zeit spart. Aber sensible Einzelfakten habe ich in der App gezielt mit einer Sperre versehen. Damit nutze ich alle Vorteile der digitalen Akte, ohne auch nur einen Millimeter Kontrolle abzugeben. Genau so geht mündiger Datenschutz heute.
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